Ökobilanz von Asbestsanierungen: Asbest im Verputz und Fliesenkleber

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Simon; Dezember 08, 2017

Letztes Jahr berichteten verschiedene Medien dass Studien zeigen, dass der Nutzen von Zahnseide fraglich ist. Auch wurde erwähnt, dass es praktisch keinen zusätzlichen Nutzen bring, wenn man seine Zähne länger als zwei Minuten putzt.

Ist es möglich, dass wir bei Asbest in einer ähnlichen Situation sind? Gibt es einen Punkt, ab welchem weitere Vorkehrungen zum Schutz vor Asbest mehr schaden als nutzen?

Letztes Jahr hat die SUVA, die in der Schweiz für den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmenden zuständig ist, ein Merkblatt herausgegeben, gemäss welchem Gebäude mit Asbest im Fliesenkleber und – durch Analgie – Anstrichen oder Verputzen ohne vorgängige Asbestsanierung mit einem Bagger zurückgebaut werden können.

Zuvor mussten solche Materialien durch eine akkreditierte Sanierungsfirma in einer Unterdruckzone und mit voller Schutzausrüstung entfernt werden. Solche Arbeiten ziehen sich oft über Tage wenn nicht Wochen dahin. Während der ganzen Zeit atmen die Arbeiter geringe von Asbestfasern ein, denn keine Maske ist hundert Prozent dicht. Ausserdem sind Arbeiten auf einem Gerüst immer mit einer erhöhten Gefahr von Stürzen oder andern Verletzungen verbunden. Letztere Gefahr kann sogar noch grösser sein, als die Gefahr durch geringe Mengen von eingeatmeten Asbestfasern in diesem spezifischen Fall.

Gemäss des neuen Merkblattes dürfen Gebäude mit Asbest im Fliesenkleber oder im Verputz ohne vorherige Sanierung mit einem Bagger zurückgebaut werden. Die Materialien müssen permanent benetzt werden und die Arbeiter, auch der Baggerführer müssen eine “leichte” persönliche Schutzausrüstung tragen (FFP3-Maske, Schutzanzug).

Diese Methode hat eine Reihe von Vorteilen gegenüber einer „konventionellen“ Asbestsanierung: Die Dauer der Arbeiten, und somit die Dauer der Exponierung der Arbeiter ist viel kürzer. Das Risiko von „normalen“ Arbeitsunfällen ist geringer. Und natürlich kosten solche Arbeiten viel, viel weniger.

Aber was ist mit dem Schutz der Umwelt und der Bevölkerung? Wie gross ist die Asbestexponierung der Nachbarschaft? Was passiert mit dem Asbeststaub, der sich auf dem Boden ablagert? Und wie steht es mit dem Recycling von Materialien von solchen Baustellen aus?

Da diese Fragen nicht im Kompetenzbereich der SUVA liegen, verlangt sie, dass man für solche Baustellen auch die Bewilligung der lokalen Behörden (Gemeinde oder Kanton) einholt.

Zur Zeit sind nur wenige Behörden bereit, eine solche Bewilligung zu erteilen, auch wenn mittlerweile eine ganze Reihe von Messungen durchgeführt wurden, die zeigen, dass die Belastung mit Asbestfasern weit unter dem Grenzwert liegen. Das Hauptargument ist, dass es einfach zu viele Unbekannte gibt, insbesondere zur Frage der Kontamination der Umgebung.

Die Diskussion zu dieser Frage hat diesen Frühling mit der Publikation einer Ökobilanz zu verschiedenen Sanierungsmassnahmen neuen Schwung erhalten. Die im Auftrag vom Kanton Zürich ausgeführte Studie verglich den ökologischen Nutzen (gemessen in UBP, Umweltbelastungspunkte gemäss der Methode der ökologischen Knappheit) und gesundheitlichen Einfluss von verschiedenen Sanierungsmethoden (gemessen in DALY, Disability adjusted life years). Das heisst, über die Gefahr für die Gesundheit der Arbeiter hinaus, integriert diese Studie auch die „graue Energie“ (Energieverbrauch für die Sanierung und den Transport der Abfälle) sowie der Einfluss der Abfälle und die Gesundheit der Bevölkerung.

Die Studie kommt zum Schluss, dass die Sanierung eines Gebäudes mit Asbest im Fliesenkleber oder Verputz sowohl für die Umwelt als auch für die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt schlechter ist, als wenn das Gebäude mit dem Bagger zurückgebaut wird, so wie es die SUVA vorschlägt.

Bevor wir zu den Schlussfolgerungen kommen ist es wichtig, dass wir verstehen um welche Grössenordnung es geht: Man geht zur Zeit davon aus, dass etwa 10 bis 15%, vielleicht sogar bis zu 20% der vor 1990 gebauten Gebäude Asbest im Verputz haben (innen oder aussen). Für Fliesenkleber sind es ca. 25%. Wir sprechen von Materialien, die in der Regel weniger als 1% Asbest enthalten. Insgesamt stellt das aber immer noch eine grosse Menge Asbest dar. In finanziellen Zahlen sprechen wir für die Schweiz von einigen Milliarden Franken, die für eine Sanierung notwendig wären.

In Anbetracht der Grösse des Problems ist es verständlich, dass die Behörden zurückhaltend sind mit einer Entscheidung. Aber einfach eine Sanierung verlangen, ist auch keine Option, wenn man weiss, dass der Nutzen für die Umwelt und die Bevölkerung aber auch für die Arbeitnehmenden gering oder sogar negativ ist. Es ist also notwendig, weitere Daten zu sammeln und auszuwerten, insbesondere zu Fragen wie: Wie verhält sich Asbest auf die Dauer in der Luft (Sedimentierung der Fasern aus der Luft)? Wie sieht es aus mit Asbestfasern im Boden? Und dem Abwasser der Baustelle?

Eine abschliessende Bemerkung: Es ist wichtig zu verstehen, dass Asbest im Verputz oder Fliesenkleber für die Bevölkerung/Einwohner KEINE Gefahr darstellt. Solche Materialien können problematisch werden, wenn sie entfernt werden. Aber wenn wir die von diesen Materialien ausgehende Gefahr mit andern Materialien vergleichen, etwa mit Spritzasbest, dann kommen wir auch bei einer unsachgemässen Bearbeitung auf eine Belastung, die um einen Faktor 1000 bis 1 Million niedriger ist. Eine Debatte, wir wir sie zur Zeit zum Thema Glyphosate haben, wäre somit nicht berechtigt.

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